Budapest. Ungarn steht vor einer der schwerwiegendsten Energiekrisen der letzten Jahrzehnte. Das teilte Ministerpräsident Péter Magyar auf zwei Eil-Pressekonferenzen in der MOL-Donauraffinerie in Százhalombatta sowie direkt am Kernkraftwerk Paks mit. Der historisch niedrige Wasserstand der Donau zwingt den Betreiber des einzigen ungarischen Atomkraftwerks zu drastischen Maßnahmen – eine vollständige Abschaltung in der kommenden Woche steht unmittelbar bevor.
Kritischer Pegelstand an der Donau
Das Kernkraftwerk Paks läuft derzeit nur noch mit rund 960 Megawatt, weniger als der Hälfte seiner regulären Kapazität von 2.000 Megawatt. Grund dafür ist der stetig fallende Pegel der Donau, deren Wasser zur Reaktorkühlung benötigt wird.
Am Freitag lag der Flusspegel bei minus 124 Zentimetern. Fällt dieser Wert auf minus 134 Zentimeter, muss aus Sicherheitsgründen auch der letzte noch aktive Reaktor vom Netz genommen werden. Nach aktuellen Prognosen könnte dieser Fall bereits am Dienstag oder Mittwoch eintreten. Magyar warnte jedoch, dass die kritischste Phase für das ungarische Stromnetz bereits am Montag beginnen werde.
Eine Gefahr für die nukleare Sicherheit bestehe laut Regierungschef nicht. Das Herunterfahren folge strengen Sicherheitsprotokollen, und die Kühlung der Reaktoren bleibe auch nach der Einstellung der Stromerzeugung durch mobile Notfallpumpen gesichert.
Notfallmaßnahmen zur Vermeidung von Blackouts
Um landesweite Stromausfälle zu verhindern, hat die ungarische Regierung eine Reihe von Spar- und Überbrückungsmaßnahmen eingeleitet:
- Industrie-Appell: Große Industrieverbraucher wurden aufgefordert, ihren Verbrauch vor allem in den Spitzenzeiten zwischen 17:00 und 22:00 Uhr deutlich zu drosseln. Der Mineralölkonzern MOL hat bereits zugesagt, seinen Verbrauch um 65 Megawatt zu reduzieren.
- Einschränkung des Güterverkehrs: Ein Notfall-Einsatzteam erwägt unter anderem, den Güterzugverkehr in den Abendstunden einzuschränken, um das Stromnetz zu entlasten.
- Importe und Zusatzkapazitäten: Das Erdgaskraftwerk Dunamenti soll nach Reparaturarbeiten am Wochenende wieder ans Netz gehen und bis zu 400 Megawatt liefern. Zudem prüft die Regierung zusätzliche Stromimporte aus Nachbarländern.
Da Wetterprognosen im Einzugsgebiet der Donau vorerst keinen nennenswerten Regen vorhersagen, könnten die Reaktoren in Paks auch über mehrere Wochen hinweg außer Betrieb bleiben. Der finanzielle Schaden für den Staatshaushalt wird auf rund 50 Milliarden HUF (ca. 125 Millionen Euro) pro Monat geschätzt.
Politische Debatte über Versäumnisse der Vergangenheit
Ministerpräsident Magyar machte frühere Regierungen für die Eskalation der Krise verantwortlich. Seit dem Rekordtiefstand der Donau im Jahr 2018 seien notwendige Modernisierungen am Kühlwassersystem in Paks versäumt worden. Zudem habe man den Ausbau erneuerbarer Energien wie Windkraft jahrelang vernachlässigt, was das Land extrem anfällig für klimabedingte Ereignisse gemacht habe.
Gleichzeitig wies der Ministerpräsident Gerüchte in den sozialen Medien entschieden zurück: Weder hielten Nachbarländer wie Deutschland, Österreich oder die Slowakei absichtlich Donauwasser zurück, noch exportiere Ungarn derzeit Strom in die Ukraine.
Archivbild Paks











